Villa Heike Kunstverein
TEXTMATERIAL BILDRÄUME DER SOLIDARITÄT 4
WERKE UND BIOS
TEIL 4
19. COCO KÜHN
WERK
Das Werk Solidarität basiert auf einer skulpturalen Anordnung: eine schwarze Waage, die zwei Lasten aus goldfarbenen Granitsteinen trägt. Obwohl sie sich in ihrer Form unterscheiden – eine Seite schmaler und höher, die andere breiter und niedriger – befinden sich beide Seiten in perfektem Gleichgewicht, ihr Gewicht ist exakt austariert. Das Werk versteht Solidarität als Zustand gegenseitiger Unterstützung, in dem Differenz das Gleichgewicht nicht stört, sondern trägt.
BIO
Coco Kühn ist eine bildende Künstlerin mit Sitz in Berlin. Sie studierte Malerei und Bildhauerei an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle (Saale) von 1996 bis 2003. 2008 gründete sie die Temporäre Kunsthalle Berlin, die sie bis 2010 leitete. Ihre Arbeiten wurden national und international ausgestellt.
20. ZOE POPP
WERK
Seoul 2024, in meiner Wohnung stehe ich vor dem Fenster und habe alle Fensterscheiben geöffnet, um die Geräusche von draußen eindringen zu lassen. Mein Fenster hat vier Schichten, drei davon lassen sich öffnen. Die letzte Milchglasscheibe ist fixiert. Sie ist an der Außenwand angebracht und kann nicht bewegt werden. Sie versperrt zwei Drittel meines Blicks. Das Glas dient als Sichtschutz, da das Nachbarhaus sehr nah ist. Manchmal klettere ich auf meine wackelige Kommode, um meinen Kopf an der festen Scheibe vorbeizuschieben und den Himmel zu sehen. Ist er blau oder bewölkt? Scheint die Sonne?
Das Werk summersun thematisiert Gemeinschaft und Solidarität, indem es ihre Abwesenheit ins Zentrum stellt. In großen, wachsenden Metropolen, die zunehmend verdichtet sind und in denen Ein-Personen-Haushalte immer häufiger werden, gewinnen soziale Nähe und Zusammenhalt an Bedeutung. Wenn diese durch bauliche Strukturen erschwert oder verhindert werden, entsteht eine Anonymität des Nebeneinanders. Die Verbindung zur unmittelbaren Umgebung fehlt und wird als schmerzhafte Leerstelle erfahrbar. Das Werk versteht sich als Aufruf, in diesem modernen sozialen Gefüge Räume für Gemeinschaft und Solidarität aktiv zu schaffen.
BIO
Zoe Popp studiert Bildende Kunst mit Schwerpunkt Fotografie bei Heidi Specker an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig sowie Architektur an der Universität der Künste Berlin. Sie verbrachte ein Auslandssemester in Seoul, in dessen Rahmen ihr Video summersun entstand. Ihre Arbeiten wurden in Gruppenausstellungen in Berlin, Bonn, Seoul und Guadalajara (Mexiko) gezeigt. 2024 erhielt sie den Studienpreis für Fotografie der HGB Leipzig.
21. JOSHUA TARELLE REID
WERK
Kurze Aufmerksamkeitsspannen, britische Transport-Kommandoslogans, öffentliche Werbung und kybernetische Rückkopplungsschleifen – Joshua Tarelle Reid spielt mit diesen Ideen, um eine ephemere Schleife zu erzeugen, die den Betrachter in die Intensivierung und Beschleunigung gesellschaftlichen Wandels in postindustriellen Städten einführt. Ausgehend von den Technologien unserer Umgebung und sie als Inspirationsquelle nutzend, schlägt er einen momentanen Ausstieg aus dem „Oculus“ vor, um über unsere Einbindung und ihre Konsequenzen nachzudenken. – What Remains of Towers?
BIO
Joshua Tarelle Reid ist ein bildender und Klangkünstler, der zwischen Berlin und Paris lebt. Seine Arbeit konzentriert sich auf kollektives Gedächtnis sowie Schnittstellen von Klassenpolitik, kulturellen Motiven und Identität. Er ist vor allem als eine Hälfte des experimentellen Musikduos Space Afrika bekannt, dessen Arbeiten durch eine Verbindung von Produktion, Soundcollage und Field Recordings die nächtliche Essenz des urbanen Lebens einfangen. In seiner visuellen Praxis entwickelte Reid in Zusammenarbeit mit dem französischen Verlag KERMESSE eine Reihe von Artefakten rund um Foucaults Theorie des Panoptikums. Ende 2025 zeigte er Arbeiten im Victoria & Albert Museum in London, im CCA – Centre for Contemporary Arts in Berlin, im Passage Berlin und in den Armani Silos in Mailand.
22. ALTERNATIVE MONUMENT
WERK
Alternatives Denkmal für Deutschland (ADfD) reimaginiert das Erinnern an Migration durch ein digitales, multisensorisches Erlebnis. Das Projekt fragt danach, wie Migrationsgeschichten geteilt und bewahrt werden können, und wirkt zugleich gegen xenophobe Narrative in Deutschland und der EU. Verwurzelt in queeren, feministischen und migrantischen Perspektiven entstand es durch Workshops und Community-Treffen. Ausgehend vom verdrängten Ischtar-Tor als Symbol für kulturelles Erbe und Vertreibung integriert ADfD Augmented Reality, Klang und visuelle Elemente, um digitale und physische Räume zu verbinden. Durch Collagen, Skulpturen und poetische Formen entsteht eine fragmentierte, zugleich zusammenhängende visuelle Erzählung von Migration. Im Rahmen von Bildräume der Solidarität wird die AR-Installation ADfD im Garten der Villa Heike gezeigt und ermöglicht über die Monuments-AR-App eine immersive Erkundung von Migrationsspuren. Das Denkmal wurde kollaborativ von Menschen unterschiedlicher Hintergründe geschaffen und existiert in einem digitalen, fluiden Zustand, der freiwillig zugänglich ist. Aus dem Kollektiv werden Nour Sokhon (Sounddesign & Musik) und Emanuele Valariano (Dramaturg & Kurator) bei der Eröffnung anwesend sein, um Besucher im Denkmal zu begrüßen.
BIO
The Alternative Monument ist ein interdisziplinäres Kollektiv aus Künstler:innen, Forschenden, Aktivist:innen und Kulturpraktiker:innen, das sich der Neuverhandlung öffentlicher Erinnerung und der Sichtbarmachung von Migration widmet. Gegründet in Berlin, verbindet das Kollektiv Kunst, Technologie und soziale Praxis und aktiviert unterschiedliche Gemeinschaften zur gemeinsamen Produktion von Inhalten, sodass das Denkmal die gelebten Erfahrungen der Menschen widerspiegelt, die es repräsentiert. Vollständige Teamliste: https://adfd.info/TEAM
23. LORENZ KIENZLE
WERK
Das Projekt Gärten des Widerstands entstand aus Kienzles Beteiligung an der Initiative KlimaInsel Wilmersdorf, die einen bedrohten Kleingarten in Berlin zeitweise in einen gemeinschaftlichen Raum für ökologische und soziale Praxis verwandelte – mit Workshops, Gesprächen, Pflanzaktionen, historischer Recherche und politischer Organisation im Kontext von Klimagerechtigkeit und Stadtentwicklung. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus ein kollaboratives fotografisches und partizipatives Archiv, das Bilder von Anwohner:innen, Nachbar:innen und Teilnehmenden sowie Material aus Demonstrationen und dem Alltag im Garten einbezog.
In Gärten des Widerstands präsentiert Kienzle diese gemeinsame Geschichte durch geschichtete Konstellationen aus Protestbannern, projizierten Bildern, Archivfotografien und transluzenten Drucken, die sich mit dem wechselnden Licht verändern und die fragile, prozesshafte Natur des Projekts widerspiegeln. 2026 änderte sich die Situation abrupt, als trotz laufender rechtlicher Klärungen zu geplanten Bauvorhaben alle 48 Bäume des Gartens gefällt wurden. Als Reaktion entwickelte Kienzle eine Intervention mit Kontaktabzügen der zerstörten Bäume, die sowohl den Verlust des Ortes markiert als auch die Fortsetzung der politischen und ökologischen Arbeit in neuer, verschobener Form.
BIO
Lorenz Kienzle ist Fotograf und arbeitet zunehmend an der Schnittstelle zu kollektiven Formen urbaner Aktivismen und zivilgesellschaftlicher Praxis. Seit 2023 ist er in der Berliner Nachbarschaftsinitiative KlimaInsel Wilmersdorf aktiv und hat sich von einer beobachtenden fotografischen Rolle hin zu einer aktiven Beteiligung an lokalen Debatten zu Klimaschutz und Stadtentwicklung bewegt. Seine Arbeit beschäftigt sich mit öffentlichem Raum, ökologischer Transformation und zivilgesellschaftlicher Handlungsfähigkeit, oft in Zusammenarbeit mit Mitgliedern der jeweiligen Initiativen.
24. MARTINA ZANINELLI & THOMAS JAKOBS
WERK
Brotherland ist eine visuelle Untersuchung von Rassismus, Gewalt und gebrochenen Versprechen im Kontext der deutschen Wiedervereinigung. Nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 und der Wiedervereinigung 1990 zeichnet die Arbeit den Kontrast zwischen Freiheitsnarrativen und der Gewalt- und Angstrealität vieler Betroffener nach. Das Projekt konzentriert sich auf die Erfahrungen ehemaliger Vertragsarbeiter:innen aus sozialistischen „Bruderländern“ wie Angola, Mosambik und Vietnam, die über bilaterale Abkommen in die DDR kamen und deren Verträge nach der Wiedervereinigung weitgehend beendet wurden. Viele wurden zur Rückkehr gezwungen, einige blieben.
Durch Interviews mit ehemaligen Vertragsarbeiter:innen sowie deutschen Bewohner:innen, die in Orten wie Hoyerswerda, Eberswalde und Rostock Anfang der 1990er Jahre lebten, rekonstruiert die Arbeit unterschiedliche Perspektiven auf diese Zeit. Die Fotografien wurden an den Orten der Angriffe aufgenommen und versetzen diese in ein zeitloses visuelles Register, während Stillleben und Archivmaterial verschiedene Dimensionen von Gewalt reflektieren. Brotherland thematisiert die Atmosphäre, in der rassistische Angriffe stattfanden und gesellschaftlich legitimiert wurden, und zeigt, wie die Betroffenen in offiziellen Erzählungen und historischen Darstellungen oft fehlen.
BIO
Martina macht die Fotografien, Thomas stellt die Fragen. Gemeinsam haben sie Brotherland konzipiert und entwickelt. Martina wurde in Italien geboren und ist dort aufgewachsen, Thomas in der ehemaligen DDR. Beide leben heute in Berlin. Thomas arbeitete als Streetworker und Pädagoge. Martina hat einen BA in Geschichte, nahm an Lisa Barnards Masterclass in Photography teil und hat international ausgestellt. Beide arbeiten derzeit im Berliner Nachtleben als Türsteher.
Das Projekt Brotherland wurde auf verschiedenen internationalen Festivals und Ausstellungen in Europa gezeigt und shortlistet, unter anderem in Italien, Frankreich und Deutschland.
25. RAINER GÖRß & ANIA RUDOLPH
WERK
Die Installation „Solibeitrag“ – Solidaritäten & Sinnsystem Suchen entsteht aus Materialien und digitalen Bilddaten des Untergrundmuseums und wird zu dichten diagrammatischen Collagen und räumlichen Konstellationen zusammengefügt, die die Künstler:innen als „Datenimpressionismus“ bezeichnen. Sie verfolgt verschobene historische Artikulationen von Solidarität in sozialistischen, postsozialistischen und gegenwärtigen globalen Kontexten – von Agitprop und Bildkulturen der Planwirtschaft bis zu webbasierten Diagrammen vernetzter Systeme. Fragmente aus Archiv- und digitalen Quellen werden zu einer geschichteten „Archäologie“ industrieller Moderne rekonstruiert, in der Solidarität nicht als fester Wert erscheint, sondern als umkämpftes und sich wandelndes Feld, geprägt von Wirtschaftssystemen, kollektivem Gedächtnis und der Verflechtung von Natur, Kultur und globaler Interdependenz.
BIO
Rainer Görß & Ania Rudolph arbeiten seit 2006 als Künstlerduo und betreiben das Untergrundmuseum in Berlin-Mitte, eine begehbare „Wunderkammer“ und ein kollektiver Erinnerungsraum zu Ost-West-Transformation, sozio-ökologischer Kritik und kultureller Bildung. Ihre Praxis verbindet Installation, Archivforschung und künstlerisches Design mit einem Fokus darauf, wie politische und ökonomische Systeme kulturelles Gedächtnis und gegenwärtige Sinnproduktion prägen.
26. KODAC KO
WERK
Waves, Everywhere untersucht Migration als grundlegendes menschliches Verlangen nach einem besseren Leben und nicht als politisches oder soziales Problem. Die Arbeit schlägt eine Form von Solidarität vor, die über die Unterscheidung zwischen Selbst und Anderen hinausgeht. Ausgehend von Geschichten und Nachrichten, die von Migrant:innen in Berlin und Jeju (Korea) sowie deren Familien und Freund:innen geteilt wurden, zeigt die Arbeit die untrennbare Verbindung von Abwesenheit und Zugehörigkeit. Der Titel eignet sich den Begriff der „Wellen“ an, der in deutschen Medien oft in Begriffen wie „Migrations-Tsunami“ verwendet wird, um Angst zu erzeugen, und ersetzt diese Perspektive durch Migration als natürliche und kontinuierliche menschliche Bewegung.
BIO
Kodac Ko ist eine audiovisuelle Künstlerin aus Jeju, Südkorea. Sie studierte Druckgrafik an der Hongik University in Seoul, an der Hochschule für Bildende Künste Dresden sowie an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Ihre Arbeit beschäftigt sich mit unterschiedlichen Formen von Kommunikation und zeigt ausgehend von Migrationserfahrungen, wie Sprache sowohl verbinden als auch Distanz vertiefen kann. Ihre Arbeiten wurden u. a. im Museum für Photographie Braunschweig und im Jeju Museum of Contemporary Art gezeigt sowie auf dem 10. Cairo Video Festival und dem 41. Kasseler Dokfest. Sie nahm 2025 am Goldrausch Künstlerinnenprojekt in Berlin teil und erhielt 2026 ein Stipendium der Stiftung Kunstfonds.
27. JOANNA SZPROCH
WERK
Gemeinsam Anders Sein entsteht in Zusammenarbeit mit Mädchen der Wilden Hütte in Gropiusstadt, Berlin. Im Rahmen eines Berlin Mondiale Calls for Solidarity ist das Projekt eine partizipative fotografische Arbeit mit Teilnehmenden im Alter von 9 bis 12 Jahren aus einem diversen, migrationsgeprägten Stadtteil. Unter der künstlerischen Leitung von Joanna Szproch entwickelte die Gruppe einen horizontalen Arbeitsprozess, in dem Autor:innenschaft und Subjektpositionen geteilt wurden und Entscheidungen über Bildproduktion, Auswahl und Präsentation kollektiv getroffen wurden.
Mit analoger Sofortbildfotografie (Instax) arbeiteten die Teilnehmenden mit Selbstinszenierung, DIY-Kostümen, Make-up und spielerischer Performance, um sich gegenseitig zu fotografieren. Die entstehenden Bilder bilden ein materielles Archiv von Begegnungen, das später zu Collagen und einer Leporello-Publikation weiterentwickelt wurde. Im Gegensatz zu digitalen Bildumgebungen betonen die analogen Fotografien physische Präsenz, Intentionalität und Relationalität. Das Projekt erzeugte nachhaltige soziale Bindungen, die über seine Dauer hinausreichen, und wirkte zugleich als Verschiebung der Selbstwahrnehmung der Teilnehmenden, indem es Räume für Spiel, Freude und Selbstausdruck öffnete. Für Szproch reflektiert die Arbeit eine fortlaufende Untersuchung, wie kollaborative Praxis unter gleichberechtigten Bedingungen entstehen kann und dabei eine individuelle künstlerische Stimme bewahrt bleibt, wobei Solidarität als gelebte Methode verstanden wird, die auf Differenz, Koexistenz und geteilter Handlungsfähigkeit basiert.
BIO
Joanna Szproch, geboren in Warschau und wohnhaft in Berlin, ist Künstlerin, Kunstvermittlerin und Aktivistin. Nach ihrem Abschluss an der Akademie der Bildenden Künste in Łódź 2004 arbeitete sie zunächst in der Modefotografie, bevor sie 2012 nach Berlin zog und eine multidisziplinäre Praxis entwickelte, die von künstlerischer Forschung, Feminismus und urbaner Praxis geprägt ist. Ihre Arbeit umfasst Fotografie, Selbstporträt, Performance, Archiv, Collage, Zeichnung, Objekte und Installation und verbindet häufig autobiografische und partizipative Methoden mit Fokus auf weibliche Autonomie, Gleichheit und Selbstbestimmung. Sie unterrichtet regelmäßig und leitet Workshops sowie kollaborative Projekte mit Institutionen wie der Neuen Nationalgalerie, Berlin Mondiale und Urbane Praxis. Ihre Arbeiten wurden international ausgestellt, und ihr Künstlerbuch Alltagsfantasie (2023) erhielt mehrere Auszeichnungen und wurde auf bedeutenden Fotofestivals und Kunstmessen präsentiert.
28. MICHAEL DANNER
WERK
Demokratie wird oft als politisches System, Regierungsform oder institutionelles Gefüge verstanden. Ihr Fortbestand hängt jedoch von etwas Grundlegenderem ab: der Bereitschaft des Einzelnen, am öffentlichen Leben teilzunehmen und sich mit den Bedingungen auseinanderzusetzen, unter denen Gesellschaft organisiert ist. In einer Zeit, in der liberale Demokratien zunehmendem Druck durch autoritäre und illiberale Tendenzen ausgesetzt sind, sind Fragen von Partizipation, Verantwortung, Solidarität und Dissens dringlicher denn je geworden. Demokratie lässt sich nicht auf Wahlen, Parlamente oder Verfassungen reduzieren. Sie zeigt sich ebenso in öffentlicher Präsenz, zivilgesellschaftlichem Engagement, Protest, Debatte und der fortwährenden Aushandlung widersprüchlicher Interessen und Perspektiven. Die hier gezeigten Arbeiten sind Teil des Langzeitprojekts DEMOCRACY IS A VERB, das Räume, Akteur:innen und Praktiken untersucht, durch die demokratisches Leben sichtbar wird. Statt zu fragen, was Demokratie ist, fragt das Projekt, wie sie im Alltag vollzogen, verteidigt, herausgefordert und erneuert wird. Die Serie lädt dazu ein, Demokratie nicht als festen Zustand, sondern als fortlaufenden kollektiven Prozess zu verstehen, der von den Handlungen der Beteiligten abhängt.
BIO
Michael Danner ist Fotograf und Dozent mit Sitz in Berlin. Seine Arbeit verfolgt einen politischen und anthropologischen Ansatz zur Untersuchung umkämpfter Orte, sozialer Konflikte und kollektiver Erinnerung. Mit Fotografie, Bewegtbild, Archivmaterial und Text entwickelt er vielschichtige Narrative zu zeitgenössischen politischen und gesellschaftlichen Transformationen. Seine Projekte, darunter CRITICAL MASS und MIGRATION AS AVANT-GARDE, wurden international ausgestellt und als Monografien veröffentlicht.
29. CEREN SANER
WERK
Inside The Ring ist ein fortlaufendes visuelles Archiv, das zwischen persönlichen und kollektiven Erzählungen oszilliert und eine „our-stories“-Dokumentation von Zugehörigkeit, Intimität und Überleben in oft feindlichen urbanen Räumen bildet. Begonnen 2016 nach der Migration der Künstlerin von Istanbul nach Berlin, entstand das Projekt zunächst als persönliches Tagebuch von Entwurzelung und entwickelte sich zu einer langfristigen emotionalen und visuellen Kartografie queeren und diasporischen Gemeinschaftslebens.
Entwickelt durch anhaltende Nähe und Vertrauen, verfolgt die Arbeit Formen von Fürsorge, Verwandtschaft und alltäglicher Solidarität und versteht Bildproduktion als Akt des Weltbaus und der Widerständigkeit gegen Unsichtbarmachung. Sie hinterfragt rigide cis-heteropatriarchale Geschichtserzählungen und betont Intimität ohne Voyeurismus, indem sie fragt, wie marginalisierte Leben gesehen und gehalten werden. Über fast ein Jahrzehnt hinweg erweitert sich Inside The Ring in räumliche und skulpturale Formen, die das fotografische Bild in relationale und öffentliche Räume überführen und es in Strukturen gemeinsamer Erfahrung, Präsenz, Zärtlichkeit und kollektiver Weltproduktion transformieren.
BIO
Ceren Saner ist eine in Berlin lebende, autodidaktische bildbasierte Künstlerin, deren Arbeit queere und diasporische Narrative über Fotografie, Bewegtbild, Installation und gemeinschaftsbasierte Praktiken entwickelt. In sozio-autobiografischen Erzählformen untersucht sie Intimität, Verwandtschaft, Zugehörigkeit und die Fragilität von Erinnerung. Ihre Arbeiten funktionieren als visuelle Notizen: Fragmente von Begegnungen und Emotionen, die sich einem Abschluss entziehen. 2024 wurde Saner mit dem ersten Preis des Neuköllner Kunstpreises für ihr fortlaufendes Werk Inside The Ring ausgezeichnet. Ihre Arbeiten wurden international in Belgien, Frankreich, Deutschland, Italien, Libanon, den Niederlanden, Schweden, dem Vereinigten Königreich, den USA und der Türkei gezeigt. Neben ihrer künstlerischen Praxis arbeitet sie als Kulturproduzentin und initiiert sowie unterstützt gemeinschaftsbasierte Räume für kollektives Erzählen und Austausch.
30. REA SCHENK
WERK
MIMESIS zeigt zwei unscharfe Figuren in einem vorsichtigen Annäherungszustand: gemeinsam und zugleich getrennt. Durch Schichtungen und Spuren destabilisiert die Arbeit, was als Hintergrund und Vordergrund erscheint, sodass Bedeutung im Fluss bleibt.
Solidarität wird hier als Prozess zwischen Verbindung und Trennung, Nähe und Isolation verstanden. In diesem Zwischenraum nimmt Kunst die Zone der Übergänge ein. In Schenks Photo Construct Praxis dient Fotografie als Ausgangspunkt, der anschließend durch Computer Aided Design (CADcontent) dekonstruiert wird, wodurch Präzision in Fragmentierung und Transformation überführt wird. Spuren bleiben wahrnehmbar, ohne sich zu fixieren, sodass das Unbestimmte als aktive Bedingung des Bildes bestehen bleibt.
BIO
Rea Schenk verbindet einen langjährigen beruflichen Hintergrund als zertifizierte Ingenieurin mit künstlerischer Praxis und verknüpft technische Expertise in Computer-Aided Design (CAD) mit experimenteller Bildproduktion. Seit 2023 entwickelt sie ihre hybride Praxis unter den Bezeichnungen PHOTO CONSTRUCT und PHYSICAL CONSTRUCT an der Schnittstelle zwischen digital transformierter Fotografie und analogen, mixed-media Prozessen. Ihre Arbeit beschäftigt sich mit Wahrnehmung, Erinnerung und Identität und wurde international und regional ausgestellt sowie in privaten Sammlungen aufgenommen. Sie lebt in Berlin und wurde für ihre Praxis mehrfach international ausgezeichnet.
31. MONIKA KEILER X KIOSK OF SOLIDARITY
WERK
Der Kiosk of Solidarity ist ein mobiles Interventionsformat, das seit 2023 im urbanen Raum Berlins aktiv ist und in Zusammenarbeit mit mehr als 35 Initiativen sowie in über 50 Interventionen realisiert wurde. Das Projekt schafft Sichtbarkeit für marginalisierte Gruppen und vernetzt sie mit bestehenden Strukturen, während es zugleich die praktische Umsetzung jeder Intervention unterstützt – von Gestaltung über Genehmigungen bis hin zu Logistik und Finanzierung. Im Zentrum steht die Schaffung temporärer Räume für Begegnung, Austausch und Teilhabe im öffentlichen Raum sowie die Stärkung sozio-ökologischer Transformationsprozesse.
Monika Keiler spielt als fotografische Dokumentaristin eine zentrale Rolle im Projekt. Sie begleitet den Kiosk of Solidarity seit seinen Anfängen und porträtiert ihn als temporäre soziale Infrastruktur, in der Initiativen, Nachbar:innen und marginalisierte Gruppen zusammenkommen. Ihre Fotografien erfassen sowohl konkrete Interaktionen rund um den Kiosk als auch die urbanen Kontexte, in denen sie stattfinden, und zeigen, wie Solidarität im öffentlichen Raum praktiziert wird und Sichtbarkeit selbst zu einer politischen Bedingung wird. Der Kiosk erscheint in ihrer Arbeit nicht nur als physische Struktur, sondern als lebendige Infrastruktur von Fürsorge, Austausch und kollektivem Wissensproduktion.
BIO
Monika Keiler wuchs in einem kleinen Dorf in Bayern auf. Nach ihrem Studium der Fotografie an der Hochschule für angewandte Wissenschaften München zog sie nach Berlin, wo sie die Meisterklasse für Fotografie bei Prof. Arno Fischer absolvierte, gefolgt von einem Aufbaustudium bei Prof. Ute Mahler und Robert Lyons an der Ostkreuzschule für Fotografie. 2006 arbeitete sie in New York als Assistentin von Martin Schoeller, von 2010 bis 2011 assistierte sie Arno Fischer in Berlin. Seit 2008 arbeitet sie als freie Porträt- und Dokumentarfotografin für verschiedene Magazine und Institutionen.
32. SHUR COLLECTIVE
WERK
Die Installation untersucht die Paradoxien des Lebens zwischen globalen Machtstrukturen, kolonialen Kontinuitäten und digitaler Überflutung. Ausgehend vom mathematischen Objekt der Klein’schen Flasche – einer Form ohne Innen und Außen – wird die Struktur der „Festung Europa“ als endlose Schleife unsichtbarer Grenzen erfahrbar.
Teilnehmende werden blindfolded und in eine immersive Klang- und Lichtinstallation geführt: live geloopte Klänge, pulsierende rote und blaue Lichter sowie Alltagsobjekte als Klangquellen erzeugen eine desorientierende Atmosphäre. Die Sprache besteht aus einer Collage aus Nachrichtenüberschriften und Erfahrungsberichten von Menschen vor Ort – mit Fokus auf der tödlichen Dualität von Krieg und Waffenstillstand. Zentrale Frage: Wie konsumieren wir täglich unsere eigene Entmenschlichung – gefangen zwischen hedonistischen Idealen, FOMO und der verzweifelten Suche nach Informationen aus zerstörten Regionen?
Der Raum gehört uns nicht. Wir beanspruchen ihn nur für kurze Zeit.
BIO
Shur Collective ist ein queer-feministischer BIPoC-Verbund interdisziplinärer Künstler:innen und Aktivist:innen. Shokoufeh untersucht digitale Körper und virtuelle Identität in der Medienkunst und studiert an der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM). Zolfar ist Architektin, Aktivistin und Grafikdesignerin und beschäftigt sich mit räumlichen Entwürfen, die kritisches Denken im politischen Kontext anregen, mit Fokus auf geopolitische Strategien des Globalen Südens. Roya untersucht Grenzen und Identität mithilfe von Fotografie und geometrischen Formen. Sie studierte an der Universität Teheran und an der Folkwang UdK.
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