Villa Heike Kunstverein
TEXTMATERIAL BILDRÄUME DER SOLIDARITÄT 3
WERKE AND BIOS
WAND 3
(english below)
14. DANA LORENZ & SOPHIA KESTING
WORK
Das Projekt Asphalt, Steine, Scherben untersucht den Wilhelm-Leuschner-Platz in Leipzig als einen Ort, an dem das Erbe der DDR-Architektur und gegenwärtige Stadtentwicklungsprozesse ungelöst nebeneinander bestehen. In 1.430 mittelgroßformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien erforschen die Künstlerinnen die räumlichen Bedingungen des Platzes und erfassen Architektur, flüchtige Handlungen und ambivalente Szenen temporärer Nutzungen.
Wiederholung, Fragmentierung und Verschiebungen zwischen inszenierten und beobachteten Momenten lösen klare zeitliche und räumliche Orientierung auf, während serielle Bildfolgen sich eher als visueller Dialog denn als lineare Erzählung entfalten. Während sich der Platz weiter verändert – von kommerziellen Veranstaltungen bis hin zu politisch aufgeladenen Versammlungen – verschiebt sich auch die fotografische Sprache.
In analoger Arbeitsweise betonen Lorenz und Kesting die historische Dimension des dokumentarischen Bildes, geprägt von Erfahrungen der Umbrüche nach 1989. Nicht realisierte Planungen für den Ort und die ungewisse Zukunft seiner Strukturen positionieren die Arbeit als Raum der Reflexion über Erinnerung, Geschichte und städtischen Wandel.
BIO
Dana Lorenz und Sophia Kesting arbeiten kollaborativ an langfristigen fotografischen Projekten, die sich mit urbaner Transformation, umkämpfter Erinnerung und der Aushandlung historischer Räume befassen. Über einen Zeitraum von zwölf Jahren haben sie eine gemeinsame Bildsprache entwickelt, die Orte reflektiert, die durch politische Brüche sowie sich verschiebende soziale und ökonomische Interessen geprägt sind.
15. MONIQUE PETERMANN
WORK
Zeitgeister ist ein fotografisches Projekt, das generationellen Dialog in Form eines fotografisch-poetischen Buches untersucht. Ausgangspunkt ist die Begegnung zwischen der Lyrik ihrer Großmutter Ilona Weidemann und der eigenen fotografischen Arbeit der Künstlerin, wodurch ein visueller und poetischer Austausch zwischen Text, Bild und Fragestellungen entsteht.
Das Projekt thematisiert Missverständnisse zwischen Generationen, die durch unterschiedliche Lebenserfahrungen, soziale Bedingungen und kulturelle Rahmen geprägt sind. Durch die Verbindung von Gedichten, Fragen und Fotografien werden divergierende Realitäten sichtbar gemacht und feste Vorstellungen von Identität, Beziehungen und Generationenrollen hinterfragt.
Die fotografische Arbeit greift zudem alltägliche Beobachtungen auf und umfasst Perspektiven auf queere Beziehungen, Körper, Geschlechterrollen, Diskriminierung und gesellschaftliche Normen. Im Zusammenspiel von Bild, Poesie und Text eröffnet Zeitgeister einen reflektierenden Raum für intergenerationelle Begegnung und die Untersuchung gesellschaftlicher Spannungen.
BIO
Monique Petermann ist Designerin und Fotografin mit einem Masterabschluss in Design von der Fachhochschule Potsdam mit Schwerpunkt Fotografie, Editorial Design und visuelle Kommunikation. Ihre Praxis verbindet Gestaltung mit Forschung und beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Fragen, Archiven und narrativen Bildstrategien.
Sie verfügt über Erfahrung in Publikationsdesign und kuratorischen Prozessen und arbeitet redaktionell und visuell für das zeitgenössische Fotomagazin Haptik, wo sie zudem Veranstaltungen und Workshops organisiert. Ihre Arbeiten wurden u. a. im Landtag Brandenburg, im Bauhaus-Archiv, im Rechenzentrum Potsdam, in der Bibliothek der Fachhochschule Potsdam sowie im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur Brandenburg gezeigt. Zudem war sie für den Designpreis Brandenburg nominiert.
Ihre Praxis bewegt sich an der Schnittstelle von Design, Fotografie und gesellschaftlicher Reflexion.
16. MICHEL KEKULÉ
WORK
Die Serie 50_15 entstand im Frühjahr 2022 an Bord der Sea-Watch 3 im zentralen Mittelmeer und dokumentiert eine maritime Such- und Rettungsoperation, bei der ein Boot sank und Menschen ertranken. Der Titel 50_15 verdichtet die fragile Schwelle zwischen Überleben und Tod.
Die Bilder entstanden während der Operation selbst, innerhalb derselben sich entfaltenden Situation von Rettung, Versorgung und Suche nach Vermissten. Statt einen Überblick zu bieten, spiegelt die Fragmentierung der Serie die Bedingungen ihrer Entstehung wider.
Sie zeigt unmittelbare Momente von Nähe, Kontakt, Rettung und Beinahe-Ertrinken und bleibt eng an das Ereignis gebunden, während die politischen Strukturen, die diese Bedingungen hervorbringen, außerhalb des Bildes verbleiben. Über den konkreten Vorfall hinaus verweist 50_15 auf ein europäisches Grenzregime, in dem Rettung, Abschreckung und Gewalt untrennbar miteinander verbunden sind.
Innerhalb dieses Rahmens erscheint Solidarität als konkrete Praxis zwischen Körpern in einem politischen Ordnungssystem, das diese Bedingungen zugleich erzeugt und begrenzt.
BIO
Michel Kekulé lebt und arbeitet in Berlin, wo er Fotografie an der Ostkreuzschule für Fotografie studierte. Seine Praxis verbindet Fotografie und Video und konzentriert sich auf politische und soziale Strukturen, historische Kontinuitäten und Transformationsprozesse, mit besonderem Fokus auf Ostdeutschland, Migration und strukturelle Ungleichheit.
17. MARIE GUTIERREZ OLIVA
WORK
In ihrer fotografischen Praxis beobachtet Marie Gutierrez Oliva den Alltag mit einem sorgfältigen, zurückhaltenden Blick und versucht, gelebte Erfahrungen in visuelle Form zu übersetzen und das oft Unsichtbare sichtbar zu machen.
Ihr Projekt Liebe entstand aus der Dokumentation der langfristigen Pflege ihrer Mutter für ihre Großmutter, die nach einem Schlaganfall dauerhaft auf Unterstützung angewiesen war. Die Arbeit reflektiert Zyklen von Fürsorge, Erschöpfung und emotionaler Erstarrung im häuslichen Raum, in dem Liebe und Belastung eng miteinander verwoben sind.
Entwickelt aus Nähe und Vertrauen konstruiert das Projekt eine visuelle Erzählung von Pflege als einer oft unsichtbaren, zugleich weit verbreiteten Form von Solidarität.
BIO
Marie Gutierrez Oliva wurde in der Kleinstadt Finsterwalde in Südbrandenburg geboren und beschäftigt sich seit früher Kindheit mit Zeichnung und Malerei. Nach einem Auslandsjahr in Seoul zog sie 2022 nach Potsdam, um Kommunikationsdesign zu studieren, mit einem starken Fokus auf Illustration, Video und Fotografie.
Ihre Arbeiten wurden u. a. im Rahmen des European Month of Photography Berlin 2025 gezeigt und im Magazin Haptik (Ausgabe „Dazwischen“) veröffentlicht, neben laufenden freiberuflichen und akademischen Projekten.
18. WAEL ESKANDAR
WORK
Das Datum ist entscheidend: Berlin, 21. Oktober 2023, wenige Tage nach Beginn der israelischen Militäroffensive in Gaza. Bereits am 16. Oktober beschrieb der israelische Holocaustforscher Raz Segal die Situation als „a textbook case of genocide“. In Berlin trafen Proteste auf massive Polizeirepression, Festnahmen von Minderjährigen und Einschränkungen von Bezügen zu Gaza.
Der Marsch Global South United am 21. Oktober brachte jene zusammen, die sich gegen die Bombardierungen stellten; einige schrieben sich zur Vorbereitung auf mögliche Festnahmen die Telefonnummern von Anwält*innen auf die Arme. Ein Demonstrierender hielt ein Schild mit einer abgewandelten Malcolm-X-Zuschreibung: „If you're not careful, the news will make you hate the oppressed and love the oppressor.“
Diese Aussage wird hier als Kritik an medialen Narrativen und an Deutschlands politischer Reaktion auf Palästina-Solidarität gelesen, in der Kritik zunehmend delegitimiert und zivilgesellschaftliche Freiheiten eingeschränkt wurden. Die Versammlung markiert einen frühen Moment des Widerstands gegen die deutsche Staatsräson in Spannung zu verfassungsrechtlichen Prinzipien.
In dieser Ausstellung fungieren Kunst und Dokumentation als Gegenpol zu Versuchen, die Grenze zwischen Unterdrückung und Widerstand zu verwischen.
BIO
Wael Eskandar ist ein ägyptischer Künstler, der eine breite Palette an Arbeiten zur Politik der ägyptischen Revolution sowie in jüngerer Zeit zur Palästina-Solidaritätsbewegung in Berlin entwickelt hat. Seine Erfahrung umfasst verschiedene Disziplinen von Technologie über Politik bis Medien. Seine Arbeiten reichen von Schreiben über Musik bis hin zu visueller Produktion wie Fotografie und Videografie. Die entstandenen Werke bewegen sich zwischen journalistischer Analyse, Kommentar und künstlerischer Interpretation.
// ENGLISH
WORKS AND BIOS
WALL 3
14. DANA LORENZ & SOPHIA KESTING
WORK
The project Asphalt, Steine, Scherben examines Leipzig’s Wilhelm-Leuschner-Platz as a site where the legacy of GDR architecture and ongoing urban development remain unresolved. Through 1,430 medium-format black-and-white photographs, the artists explore the square’s spatial conditions, capturing architecture, transient actions, and ambiguous scenes of interim use. Repetition, fragmentation, and shifts between staged and observed moments dissolve clear temporal and spatial orientation, while serial image sequences unfold as a visual dialogue rather than a linear narrative.
As the square continues to transform – from commercial events to politically charged gatherings –the photographic language shifts alongside it. Working analogically, Lorenz and Kesting foreground the historical dimension of the documentary image, informed by their experience of the post-1989 upheavals. Unrealized plans for the site and the uncertain future of its structures position the work as a space of reflection on memory, history, and urban change.
BIO
Dana Lorenz and Sophia Kesting are artists working collaboratively on long-term photographic projects that engage with urban transformation, contested memory, and the negotiation of historical space. Over twelve years, they have developed a shared visual language that reflects on sites shaped by political rupture and shifting social and economic interests.
15. MONIQUE PETERMANN
WORK
Zeitgeister is a photographic project that explores generational dialogue through the form of a photographic poetry book. It is based on the encounter between the poetry of her grandmother Ilona Weidemann and the artist’s own photographic work, creating a visual and poetic exchange between text, image, and questions.
The project addresses misunderstandings between generations shaped by differing life experiences, social conditions, and cultural frameworks. By combining poems, questions, and photographs, it makes divergent realities visible and challenges fixed ideas of identity, relationships, and generational roles. Alongside this, the photographic work draws on personal everyday observations and includes perspectives on queer relationships, bodies, gender roles, discrimination, and social norms. In the interplay between image, poetry, and text, Zeitgeister opens a reflective space for intergenerational encounter and for examining social tensions.
BIO
Monique Petermann is a designer and photographer with a Master’s degree in Design from the University of Applied Sciences Potsdam, specializing in photography, editorial design, and visual communication. Her practice combines design with research and engages with social questions, archives, and narrative image strategies. She has experience in publication design and curatorial processes and works editorially and visually for the contemporary photography magazine Haptik, where she also organizes events and workshops. Her work has been exhibited at venues including the Brandenburg State Parliament, Bauhaus Archive, Rechenzentrum Potsdam, the library of the University of Applied Sciences Potsdam, and the Ministry for Science, Research and Culture of Brandenburg. She was also nominated for the Design Prize Brandenburg. Her practice operates at the intersection of design, photography, and social reflection.
16. MICHEL KEKULÉ
WORK
The series 50_15 was created in spring 2022 aboard the Sea-Watch 3 in the central Mediterranean and documents a maritime search and rescue operation during which a boat sank and people drowned. The title 50_15 condenses the fragile threshold between survival and death.
The images were produced during the operation itself, within the same unfolding situation of rescue, care, and search for the missing. Rather than offering an overview, the fragmentation of the series reflects the conditions under which it was made. It shows immediate moments of proximity, contact, rescue, and near-drowning, remaining bound to the event while the political structures that produce these conditions remain outside the frame. Beyond the specific incident, 50_15 points to a European border regime in which rescue, deterrence, and violence are inseparable. Within this framework, solidarity appears as a concrete practice between bodies inside a political order that simultaneously generates and limits these conditions.
BIO
Michel Kekulé lives and works in Berlin, where he studied photography at the Ostkreuzschule für Fotografie. His practice combines photography and video and focuses on political and social structures, historical continuities, and processes of transformation, with particular attention to East Germany, migration, and structural inequality.
17. MARIE GUTIERREZ OLIVA
WORK
In her photographic practice, Marie Gutierrez Oliva observes everyday life with a careful, non-intrusive gaze, aiming to translate lived experiences into visual form and make the often unseen visible. Her project Liebe emerged from documenting her mother’s long-term care for her grandmother, who required constant assistance after a stroke. The work reflects on cycles of care, exhaustion, and emotional stasis within domestic space, where love and burden are tightly intertwined. Developed through close proximity and trust, the project constructs a visual account of caregiving as an often invisible yet widespread form of solidarity.
BIO
Marie Gutierrez Oliva is born in the small town of Finsterwalde in South Brandenburg and has been drawn to drawing and painting since early childhood. After a year abroad in Seoul, she moved to Potsdam in 2022 to study Communication Design, where she developed a strong focus on illustration, video, and photography. Her work has been shown at the European Month of Photography Berlin 2025 and featured in Haptik magazine (issue “Dazwischen”), alongside ongoing freelance and academic projects.
18. WAEL ESKANDAR
WORK
The date is important: Berlin, 21 October 2023, days into Israel’s campaign in Gaza. By 16 October, Israeli Holocaust scholar Raz Segal had already described the situation as “a textbook case of genocide.” In Berlin, protests faced heavy police repression, arrests of minors, and restrictions on references to Gaza. The Global South United march on 21 October brought together those opposing the bombing, with some writing lawyers’ numbers on their arms in anticipation of arrest.
One protester held a sign adapting a quote attributed to Malcolm X: “If you're not careful, the news will make you hate the oppressed and love the oppressor.” It resonates here as a critique of media framing and Germany’s political response to Palestine solidarity, where criticism has increasingly been targeted and civil liberties curtailed. The gathering marked an early moment of resistance to Germany’s Staatsräson, in tension with constitutional principles. In this exhibition, art and documentation act as a counterpoint to attempts to blur the line between oppression and resistance.
BIO
Wael Eskandar is an Egyptian artist who has produced a wide body of works around the politics of the Egyptian revolution as well as more recently, the Palestine solidarity movement in Berlin. His experience covers a variety of disciplines from technology to politics and media. His work ranges from writing to music and visual production such as photography and videography. The produced works lend themselves to journalism analysis, opinion and artistic interpretation.
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